Beim heutigen (7. April 2022) digitalen Forum zum deutschen Hotelkongress 2022 ging es um den STATUS QUO HOTELLERIE. Branchen-Insider sprachen offen über die Entwicklungen. Hier ein erstes Streiflicht:

Die Situation im Hotellerie-Markt zeigt sich unterschiedlich. Im Bereich der Stadthotellerie hat die Corona-Krise teils zu starken Einbußen geführt. In Frankfurt, Berlin, Wien, oder Linz fehle das Hauptgeschäft. London sei Corona politisch einen Schritt weiter. Hotels mit Hybridfunktion, bestehend aus Leisure- und Business-Angeboten, hätten es einfacher. In Hamburg wären im September Wochenenden bereits stark gebucht. Aber nur in der City. Die Branche schwimmt.

Hamburg als Business-Standort schwächelt

Die Messen in Deutschland seien buchungstechnisch noch nicht spürbar. Aber in London. Die Internorga fiel 2021 ganz aus und wurde 2022 nach hinten verschoben. Das ist auch in den Buchungen bemerkbar. In Hamburg wurde der diesjährige Hafengeburtstag wieder verschoben. Vorausbuchungen fürs Oktoberfest in München seien gut, da der Markt und die Kunden daran glauben. Leisure-Veranstaltungen sind spürbar. B- und C-Lagen, wie Weimar oder Göttingen, würden sich gut entwickeln. Die Branche fährt auf Sicht und schaut wo es Möglichkeiten gibt mit Raten zu gewinnen. Vor allem in Städten. Im Bereich der Stadthotellerie erklärt Yonca Yalaz, Plaza HotelGroup: „Wir waren mit vielen Business-Destinationen in B- und C-Lagen recht zufrieden.“ In B-Destinationen konnte die Plaza HotelGroup mit Firmen-Buchungen gut weiterarbeiten, Business-Metropolen wie Hamburg und Frankfurt waren dagegen sehr schwierig. Internationale Gäste in A-Destinationen haben in den letzten zwei Jahren gefehlt. Dafür lief das Geschäft im Freizeitbereich mit Familien 2021 in B-Destinationen gut.

Ferienhotellerie punktet

Im Frühjahr und Sommer 2021 gab es in der Freizeit-Hotellerie Gewinner. Wer profitabel gewirtschaftet hat, konnte punkten. Hoteliers ohne Strategie, die teuer gestartet und geblieben sind, hatten Probleme. Günstige Angebote aus Italien oder Griechenland liefen ihnen den Rang ab. Preiserhöhungen von 20 bis 30 Prozent waren nicht machbar. Am liebsten sind den Hoteliers Kunden, die lange bleiben. Diese sind auch am nachhaltigsten.

Internationale Gäste bleiben aus

Der Markt mit internationalen Gästen ist sehr schlecht. Nur der Binnentourismus floriert. Im Luxussegment kehren die Gäste vereinzelt zurück, aber nicht auf dem vorherigen Niveau. Amerikaner seien nicht mal in den Top-10 der Gäste in Wiener 5-Sterne Hotels. Aus Asien kämen keine Gäste. Vermutlich aus Russland erst recht nicht.

Business-Travel durch Coronapandemie und Krieg eingebrochen

Der Ukrainekrieg hat effektiv Einfluss auf die Buchungssituation. Die Amerikaner kämen nicht. Darum sei es umso wichtiger sich jetzt effizient aufzustellen beim Personal. Mit Revenue-Managern und externen Profis wie HotelGroup im Background. „Früher war Wissen macht, heute ist die richtige Software ausschlaggebend“, sagt Yonca Yalaz, Plaza HotelGroup, die seit 2014 mit HotelGroup arbeitet.

Das MICE-Business startet noch verhalten. Rainer M. Willa, Wien, HotelPartner, betont: „Business-Travel wird auch langfristig nur bis zu 60 Prozent zurückkommen, da sich Kunden an Online-Meetings gewöhnt haben.“ Auch Gruppen-Business käme nur langsam wieder in Gang. China, Indien kämpft immer noch mit Corona. Individualgast- und Feriendestinationen in Kombination haben es besser. Business und Leisure in London oder München funktioniert gut. Reine Businessdestinationen wie Frankfurt haben es schwerer. Der Ukrainekrieg wird als Europakrieg betrachtet. England ist Insel und gefühlt scheinbar sicher. Arabien kommt, China wird noch dauern. Man hat sich zudem ans Home-Office gewöhnt. Messen würden immer noch nach hinten verschoben, was den Hotels weh tut.

 „Quadratisch-praktisch-gut“ genügt nicht mehr

Hoteliers müssten jetzt ihre Strategien der Hotels ändern. War früher dienstags und mittwochs „Business-Zeit“, so müsse man die Kunden jetzt bereits samstags (mit Familie?) anreisen lassen. Spezielle Hotels in guter Lage mit Spaßfaktor werden gesucht. Die Bewertung muss stimmen. Dazu Jens Bernitzky, Hotel Victory Therme Erding: “ Unsere Lage ist gut als Leisure-Destination.“ Das Angebot hatte keine Einschränkungen durch Lockdowns, so dass weiterhin 90 Prozent Auslastung und gute Raten gefahren werden konnten. Nur das Hochwasser hat uns umgeworfen. Ende August war der Kellerbereich des Hotels und auch die Technik im Wellenbad zerstört, Büros und Lagerräume standen 1,50 Meter unter Wasser, so dass der Betrieb fünf Tage geschlossen war. Ein Problem war auch der Handwerkermangel.

Digitalisierung erlebt Schub

Und federt den Mitarbeitermangel ab. Denn: Abhängigkeiten vom Personal sind zu meiden. In Wien mussten teils Zimmer wegen Personalmangel gesperrt werden. Ein gutes Online-Marketing-Konzept ist in diesen Zeiten Gold wert. Vielleicht auch der Fokus auf Familien? Innovationen wie digitale Meldescheine und Kundenbindungsprogramme punkten.

Luxus sells

4-Sterne-Plus-Hotels sind gefragt. Das Geld im Markt sei da und würde gerne ausgegeben. Die Raten gingen „durch die Decke“. Viele Hotels hätten 2021 den „besten Umsatz ever“ gemacht. In St. Moritz, London seien im 5-Sterne Bereich  Revenue-Raten von 1000,- € möglich. 2-3 Sterne Hotels hätten stark zu kämpfen. Hotels mit Style und Konzept laufen gut, auch solche, die gut aufgestellt sind. Letztere greifen den Markt ab und können gute Raten durchsetzen. Willa betont: „Hotels, die nicht speziell sind, die verpasst haben in der Vergangenheit zu investieren, haben stark zu kämpfen.“ Und rät: „Halten Sie die Raten hoch! Wandeln Sie die Gäste, die jetzt kommen in Stammgäste um!“ Auch Rene-P. Schappner, Colliers International, betont: „Preise hochhalten!“ Der Gast gäbe selektiver sein Geld aus. Hotels, die Fläche bieten, seien gefragt. Auch Möglichkeiten sich selbst zu verpflegen, seien begehrt.

Investoren setzen auf nachhaltige Hotelkonzepte

Aus Investorensicht setzt man mehr auf nachhaltige Hotelkonzepte. Gute Lage und gute Wirtschaftlichkeit in den letzten Jahren wird geschätzt. Hier fehlt die Transparenz. In Stadthotels wird weiter investiert.

Null-Energie-Bilanz? Thema Nachhaltigkeit wird immer wichtiger

Nachhaltigkeit ist in der Hotellerie angekommen, waren sich die Teilnehmer des Online-Formats einig. Das Thema Energie beschäftigt jedes Hotel. Nachzudenken, mit welcher Energie man das Hotel heizen kann und etwas zu ändern um nicht mehr abhängig zu sein, sei das Gebot der Stunde. Michaela Reitterer, Inhaberin Boutiquehotel Stadthalle, Wien, und ehemalige Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung, ist Vorreiterin für Nachhaltigkeit seit 2001. Damals hat sie den Eltern das Hotel abgekauft und gleich eine Solaranlage auf dem Dach installiert. 2009 folgte als Neubau ein Passivhaus, was eigene Energie über Jahre selbst erzeugt. In der Mitte hat sie einen Energiestrang hochgebaut, das Haus drumherum. Dazu einen eigenen Brunnen und ein Lavendelfeld auf dem Dach. Mit diesem Thema war sie in aller Munde!

Damit hat Reitterer die Hotellerie von der Steinzeit in die Zukunft katapultiert. Alles wurde auf Bio umgestellt! Speisen, Getränke, Spirituosen. Ein grüner Bonus seit 2009. Ihre Devise: „Irgendwann muss man Anfangen!“ Und betont: „Nachhaltigkeit muss man sich leisten wollen, nicht nur können! Das muss man wollen! Wenn, dann ordentlich. Gäste sind hier sehr streng und kritisch, feiern es aber, wenn es gut gemacht ist.“ So kann sie sich über Gästemangel nicht beschweren, und auch Jobsuchende gibt es genug. „Wir haben immer mehr Bewerbungen als Stellen, Menschen wollen etwas für Nachhaltigkeit tun!“ sagt die Powerfrau aus Österreich.

Text + Foto: Petra Pettmann