Heute erreichte mich eine Pressemeldung des Bundesverbands Agrarhandel e.V. sowie des Vereins der Getreidehändler der Hamburger Börse e.V. , die zeigt, wie ernst die Lage momentan ist. Für uns alle. Der Bundesverband Agrarhandel e.V. fürchtet um die sichere Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und kritisiert damit gleichzeitig die Farm-to-Fork-Strategie. Eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung in der EU mit Lebensmitteln müsse neu diskutiert werden. Die Umstellung auf biologische Landwirtschaft würde zu 60 Millionen Tonnen Produktionsverlust führen und damit zu einer Hungersnot. Hier die komplette Meldung:

Berlin/Hamburg, 3.3.2022 – Der Einmarsch russischer Truppen in das Staatsgebiet der Ukraine stellt die größte Verletzung des Weltfriedens seit mehr als einem dreiviertel Jahrhundert dar. Die Gedanken der Agrarhändler in Deutschland sind vor allem bei den Menschen in der Ukraine. Höchste Priorität hat jetzt, eine aus diesem Angriffskrieg resultierende humanitäre Katastrophe in Form einer Hungersnot abzuwenden. Und hierfür bleibt kaum noch Zeit, denn die Nahrungsmittelversorgung der ukrainischen Zivilbevölkerung und Streitkräfte befindet sich in einer dramatischen Lage. Selbst in der Hauptstadt Kiew sind nur noch Grundversorgungsmittel für wenige Tage vorhanden.

Auch die weltweite Versorgungslage mit Getreide als wichtigstem Grundnahrungsmittel hat sich durch diese geopolitische Eskalation weiter verschärft. Denn die Ukraine, Russland und Kasachstan sind zu Schwergewichten an den Weltmärkten geworden. Zwar produzieren sie gemeinsam nur ca. 8 % der Weltgetreidemenge, sind aber für durchschnittlich 23 % des Weltexportvolumens verantwortlich. Die Ukraine allein soll in diesem Jahr mehr als 60 Mio. t Getreide ausführen. Pro Monat exportiert das Land damit mehr als Deutschland im ganzen Jahr. „Landwirte in der Ukraine sehen momentan nachvollziehbar die Versorgung der eigenen Bevölkerung als absolute Priorität und denken nicht mehr an Vermarktung. Diese Mengen fehlen am Weltmarkt, was sich unmittelbar auf die Getreidepreise auswirkt“, so Thorsten Tiedemann, Vorsitzender des VdG in Hamburg. Der Weizenpreis an der Matif ist binnen Monatsfrist um ca. 100 EUR/Tonne auf jetzt 360 EUR angestiegen. Mais stieg im gleichen Zeitraum um 128 EUR auf jetzt 377 EUR. „Weitere Preiserhöhungen an der Supermarktkasse sind unausweichlich. In Deutschland ist es allerdings nur eine Preisfrage und keine existentielle. In Schwellenländern sieht die Sache ganz anders aus. Viele dieser Länder sind mit ihrem Import-Budget am Ende und es ist Zeit für die Bundesregierung, Programme für umfangreiche Nahrungsmittelhilfen vorzubereiten“, so Tiedemann weiter.

Die Situation am Düngemittelmarkt stellt sich sehr ähnlich dar. Die Produktion stickstoffhaltiger Düngemittel hängt produktionsbedingt zu großen Teilen an der Verfügbarkeit und dem Preis von russischem Gas. Hinzu kommt, dass die Beschaffung von Düngemitteln durch erhebliche Unsicherheiten äußerst angespannt ist. Dementsprechend sind die Preise für diese Produkte ebenso explodiert, wie auf dem Getreide- und Ölsaatenmarkt. „Die Landwirtschaft ist im laufenden Jahr schlechter mit stickstoffhaltigen Düngemitteln versorgt als je zuvor. Dieser Versorgungsrückstand wird sich im Laufe der Frühjahrssaison nicht mehr aufholen lassen mit absehbaren negativen Auswirkungen bei Ertrag und Qualität für die kommende Ernte.“, gibt Rainer Schuler, Präsident des BVA, zu bedenken. Dabei zieht die Knappheit an Stickstoffdüngern weitere Kreise über die Ukraine hinaus. Selbst aus Bulgarien wird berichtet, dass die Landwirte im Herbst aufgrund hoher Preise nichts bezogen hätten und es jetzt zunehmend schwerer wird, noch an Ware heranzukommen.

Angesichts dieser Situation müssen Maßnahmen einer sicheren Energieversorgung sowie einer ausreichenden Versorgung der Bevölkerung in der EU mit Lebensmitteln neu diskutiert werden. „Es scheint grotesk, angesichts dieser weltpolitischen Lage auf Produktivität in der Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln per Verordnung oder Gesetz zu verzichten“ meint Schuler mit Blick auf geplante Vorhaben wie die Farm-to-Fork-Strategie. Denn die Studie „Ökonomische und Ökologische Auswirkungen des Green Deals in der Agrarwirtschaft“ der Universität Kiel zeige ein Szenario, bei der die EU bei Umsetzung aller geplanten Maßnahmen des Green Deal 60 Mio. t Produktion verlieren und vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur werden würde. Der Agrarhandel steht ohne jeden Zweifel hinter den Zielen des Green Deal, empfindet diese aber als unvollständig. Die sichere Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln muss als mindestens gleichwertiges Ziel aufgenommen werden.

Bundesverband Agrarhandel e. V.

Der Bundesverband Agrarhandel e. V. (BVA) ist die Interessenvertretung des Agrarhandels in Deutschland. Die BVA-Mitgliedsunternehmen bereiten die von der Landwirtschaft gelieferten Agrarrohstoffe, wie Getreide und Ölsaaten, qualitativ durch Trocknung und Reinigung auf und vermarkten diese Produkte als Nahrungs- und Futtermittel im In- und Ausland. Zudem vertreiben sie sowohl Saatgut, Pflanzenschutz- und Düngemittel als auch Futtermittel an die Landwirtschaft. Dem Agrarhandel kommt damit eine entscheidende Funktion in der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette zu.

Verein der Getreidehändler der Hamburger Börse e. V.:

Der Verein der Getreidehändler der Hamburger Börse e.V. (VdG) ist der Bundesverband des internationalen Groß- und Außenhandels mit Getreide, Ölsaaten, Futtermitteln und Hülsenfrüchten und seit über 150 Jahren am Welthandelsplatz Hamburg das offizielle Sprachrohr der Branche. Er agiert als Dienstleister für seine Mitglieder und darüber hinaus als Partner von Verwaltung, Politik und Wirtschaft in Berlin, Bonn und Brüssel.

Maxim Kireev, Korrespondent Agrarmarkt Russland für den dfv, und weitere Branchenkenner schätzten die Lage gestern bei einem digitalen Format des Deutschen Fachverlags so ein: Es ist damit zu rechnen, dass Rohstoffpreise und Getreidepreise stark ansteigen werden. Denn der Krieg in der Ukraine hat auf den deutschen, europäischen und globalen Markt deutliche Auswirkungen. Rohstoffpreise und Getreidepreise werden stark ansteigen. In der Ukraine sind Missernten vorprogrammiert. Äcker können aufgrund Putins Krieg nicht bestellt werden. Treibstoff für landwirtschaftliche Maschinen fehlen. Eine Kompensation ist nicht möglich. Droht nun eine Welternährungskrise? Wenn Futterkosten steigen und Weizen teurer wird, gibt es eine Preisspirale und die Tierhaltung wird noch teurer. Alle werden neu kalkulieren müssen. Schwierige Zeiten.

In einer heutigen Pressemeldung des BMEL von Cem Özdemir hieß es hingegen die „Versorgung in der EU ist nicht gefährdet“. Angesichts des Angriffs Russlands auf die Ukraine kammen die Agrarministerinnen und –minister der Europäischen Union (EU) heute (03.03.2022) virtuell zu einem außerordentlichen informellen Treffen zusammen. Gesprächsthema war dabei die Lage auf den Agrarmärkten nach der Invasion. Dazu Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Cem Özdemir: „Ich bin absolut fassungslos über das, was in der Ukraine geschieht. Dieser völkerrechtswidrige Angriff Russlands ist ein brutaler Schlag gegen unsere europäische Friedensordnung. Als Bundeslandwirtschaftsminister werde ich alles tun, was möglich ist, um die Lebensmittelversorgung in der Ukraine zu unterstützen. Ich stehe in engem Austausch mit den Akteuren aus der Ernährungswirtschaft und dem Lebensmittelhandel und mein Ministerium unterstützt bei der Koordinierung.“ Und weiter: Russland ist für rund 10 Prozent, die Ukraine für rund 4 Prozent der weltweiten Weizenproduktion verantwortlich. Russland ist für rund 17 Prozent und die Ukraine für rund 12 Prozent der weltweiten Weizenexporte verantwortlich. Hauptimporteure sind vor allem die Länder Nordafrikas, die Türkei, sowie asiatische Länder. Die EU und Deutschland haben hierbei einen Selbstversorgungsgrad von über 100 Prozent. Die Versorgung innerhalb der EU ist daher nicht gefährdet. Hier kontert Özdemir wohl gegen die Aussagen des Bundesverbandes Agrarhandel e.V.

Özdemir behauptet: „Die Versorgung innerhalb der EU ist nicht gefährdet. Trotzdem halten wir die Auswirkungen auf die Agrarmärkte genau im Blick. Weltweit ist nicht zuletzt wegen der stark gestiegenen Energiekosten mit Preissteigerungen bei Agrarrohstoffen und bei Düngemitteln zu rechnen. In der Konsequenz können wir auch nicht ausschließen, dass das bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern an der Supermarktkasse ankommt. Wir beobachten die Lage der Märkte weltweit sehr genau. Wer aber in dieser Situation fordert, erste Schritte der Europäischen Agrarpolitik hin zur Förderung einer klima- und umweltschonenden Landwirtschaft zurückzudrehen, dem will ich ganz deutlich machen, dass er hier auf dem Holzweg ist. Um das Recht auf Nahrung nachhaltig weltweit zu sichern, müssen wir die ökologischen Krisen entschieden bekämpfen.“

Wir werden sehen, wer recht behält. Jedoch bezweifeln auch Wissenschaftler, dass die Welternährung auf ökologischer Basis für die rapide anwachsende Weltbevölkerung gesichert werden kann. Ich erinnere an meine Rezenzion des Buches „Natur und Kultur in Zeiten der ökologischen Krise“, aber das ist jetzt ein anderes Thema…