30 Prozent Ökolandbau bis 2030? Was muss sich in punkto Landwirtschaft und Ernährung ändern um dieses Ziel zu erreichen? Im Rahmen einer Bioland-Online-Diskussion debattierten Experten und Journalisten um machbare Lösungsansätze, wie ein klimaverträglicher Umbau der Land- und Ernährungswirtschaft funktionieren könnte und welche Weichen die Politik dazu stellen müsste.

Ein Beitrag von Petra Pettmann M.A. (28. Januar 2022)

In einer digitalen Podiumsdiskussion diskutierte Bioland-Pressesprecher Gerald Wehde am 28. Januar 2022 über dringend notwendige Änderungen im Agrar- und Ernährungsbereich mit Vertretern der Presse. Als Experten nahmen Prof. Dr. Hermann Lotze-Campen, Abteilungsleiter der Forschungsabteilung „Klimaresilienz“ am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Anne Markwardt, Leiterin Team Lebensmittel beim Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. und Jan Plagge, Präsident des Bioland e.V., teil.

Im Gespräch wurde klar, dass sich die Politik bewegen und klare Richtlinien auf den Weg bringen muss. Denn um die globale Erwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen, wie 2015 in Paris von allen unterzeichnenden Staaten vereinbart, müssen spätestens jetzt die Weichen gestellt werden um Treibhausgas-Emissionen in der Land- und Ernährungswirtschaft schnellstmöglich zu reduzieren.

Besonders für produzierende Landwirte, die wissen müssen, ob sich eine Betriebsumstellung auf Bio, der Bau neuer Ställe fürs Vieh, oder gar die Abschaffung von Rindern, Schweinen & Co. lohnt und sich im Agrarsektor auch langfristig schwarze Nullen schreiben lassen. Ganz davon zu schweigen, ob die Weltbevölkerung mit den nun geplanten Umstrukturierungen tatsächlich ernährbar ist.

Noch herrscht Unklarheit in vielen Bereichen und alle warten auf den nationalen Strategieplan der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), ohne den die Zukunft nicht planbar ist. Die seit 7.12.2021 geltende GAP-Strategieplan-Verordnung sieht vor, dass alle EU-Mitgliedsstaaten für die neue GAP-Förderperiode einen nationalen Strategieplan für die 1. und 2. Säule der GAP vorlegen müssen. So einfach scheint dies allerdings nicht zu sein, da die Berechnungsgrundlagen nur schwer, oder kaum wissenschaftlich fundiert erhebbar sind. Selbst die geladenen Experten machten dies immer wieder teils ziemlich ratlos deutlich.

Auf die Fragestellung der Bioland-Podiumsdiskussion „Wie relevant sind Landwirtschaft und Ernährung für die Klimabilanz? Wie können wir zu einer klimafreundlichen Landwirtschaft und Ernährungsweise finden? Und welchen Instrumentenkasten muss die Politik auf den Weg bringen, damit das mit den Klimazielen vereinbar ist?“ antwortete Hermann Lotze-Campen, dass diese Themen nicht isoliert betrachtet werden könnten. Für ihn spielt die Tierhaltung eine zentrale Rolle. 70 Prozent der Co2-Emissionen stünden damit in Zusammenhang. Der Blick „Vom Teller bis zum Feld“ sei entscheidend und das Ernährungsverhalten müsse sich wandeln. Jedoch lenkte er auch immer wieder den Blick auf das große Ganze, welches bei der Diskussion zur Erreichung der Klimaziele nicht außeracht gelassen werden dürfe. Lotze-Campen wies auf stark degenerierte Böden in anderen Weltregionen hin. Die Potentiale seien begrenzt, die Umsetzung dagegen sehr aufwändig.

Prof. Dr. Hermann Lotze-Campen, Abteilungsleiter der Forschungsabteilung „Klimaresilienz“ am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Foto: PIK, Klemens Karkow

„Dass die Klimakrise real ist, ist bekannt“, erklärte Lotze-Campen. Doch wie man die Folgekosten berechnen solle, sei nicht ganz einfach. Folgekosten was die Stickstoff-Verschmutzung angeht und der Biodiversitätsverlust müssten in ökonomische Signale übersetzt werden. Erstens durch Besteuerung in Form einer Stickstoff-Überschuss-Reduktion, die Treibhausgase reduziert. Zweitens durch Einbeziehung der Landwirtschaft in das Bepreisungs-System.  Eine gemeinsame Agrarpolitik sei nötig. „Die existierenden Förderungselemente müssen an die neuen Anforderungen angepasst werden“, betont der Wissenschaftler. In punkto Landwirtschaft sagt Lotze-Campen: „Wir müssen Anreize schaffen für Landwirte.“ Und auf die Frage, was der Verbraucher tun kann, entgegnete er: „So viel wie möglich frisches Obst und Gemüse essen.“

Mehrwertsteuersenkung für Obst und Gemüse

„Wir brauchen Ernährungsstrategien für gesündere Ernährung“, sagt Verbraucherschutz-Expertin Anne Markwardt. Sie wünscht sich ganz schnell einen Fahrplan seitens der Politik, wie Tierwohlstandards aussehen, ebenso ein Label über den Handel hinaus für Aufzucht, Transport und Schlachtung. Dazu ein System zur Finanzierung welches sicherstellt, dass es Geld für nachweisbares Tierwohl gibt. Die Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse soll zeitnah sinken, noch in diesem Jahr!

Auch wenn Verbraucher in Umfragen immer wieder betonten, dass sie auf den Konsum von Fleisch verzichten, sagen die tatsächlichen Absatzzahlen etwas anderes. Markwardt widersprach Wehdes Statement, dass deutsche Verbraucher nicht den Vorschlägen der DGE folgen und weniger Fleisch essen würden. Das Team Lebensmittel der Verbraucherschutz Bundeszentrale würde schon sehen, dass der Fleischkonsum zurückgegangen ist, gerade bei der jüngeren Generation. Das Bewusstsein sei vorhanden, die Umsetzung im anstrengenden und oft stressigen Alltag aber schwierig. Sie wünscht sich neben Aufklärungs- und Bildungskampagnen in der Gemeinschaftsverpflegung und im Handel mehr Bio-Angebote. Viele Verbraucher würden kein Fleisch mehr essen wollen, da die Tierhaltungsbedingungen unzureichend wären und das Tierleid groß. Markwardt betont: „Wir brauchen höhere gesetzliche Standards und einen Fahrplan wie wir da hinkommen. Wir müssen in die Produktion gehen und diese ändern.“

Anne Markwardt Leiterin Team Lebensmittel Geschäftsbereich Verbraucherpolitik Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. Foto: Gert Baumbach, vzbv.de

Auf die Frage, ob Fehlernährung durch „doppelt so hohen Fleischkonsum wie empfohlen“ entstünde, erklärte Markwardt, dass es hierzu keine konkreten Zahlen gäbe. Jedoch würden „ernährungsmitbewirkte“ Erkrankungen hohe Folgekosten verursachen, die unser Gesundheitssystem jährlich Milliarden kostet. Dazu käme das persönliche Leid jedes einzelnen, welches monetär nicht berechenbar sei. Einpreisen sei nur ein Element. Die Tierhaltung müsse umgebaut und begrenzt werden.

„In Zeiten von Corona und Lockdowns wurden rund zwanzig Prozent mehr für Bio-Lebensmittel ausgegeben“, so Markwardt. Es wurde zuhause mehr gekocht. Es wurden mehr frische Lebensmittel gekauft. Regionalität sei ein Riesenthema für Verbraucher. Die Kaufbereitschaft sei da. Doch immer noch erhielten regionale Landwirte keinen fairen Preis. Es bliebe nicht genug beim Landwirt hängen.

Ein großes Problem sehen die Experten im Verfall, bzw. Fehlen intakter regionaler Strukturen. So würden kommunale Schlachthöfe fehlen, um Fleisch im regionalen Kreislauf anbieten zu können. Diese bräuchte man jedoch um einen Anreiz für Landwirte zu schaffen nach höheren Standards zu produzieren. Regionale Strukturen müssten wieder geschaffen werden. „Wenn man sagt, man will Regionalität, dann muss diese echt sein“ sagt Markwardt.

Ein großes Problem sieht Markwardt im „Greenwashing“ von konventionellen Produkten, so etwa im Mopro-Bereich. Irreführende Werbung auf Verpackungen von Molkereiprodukten würden den Verbraucher täuschen. Was nützt es, wenn nur die Verpackung „grün“ ist, nicht aber der Inhalt? Verbraucher müssten sich verlassen können. Nur auf die Verpackung bezogene Werbung sei ein No-Go. Eine Klimakompensierte Berechnungsgrundlage der Fußabdruckmessungen wäre korrekter und würde der EU-Kommission helfen, gegen Greenwashing vorzugehen. Neben dem Bio-Siegel bräuchte es auch ein Nachhaltigkeitslabel.

Bioland Präsident Jan Plagge. Foto: Bioland, Sonja Herpich

„Wenn 30 Prozent Bio bis 2030 realistisch sei, was bedeute das dann für die Preise? Verbraucher müssten dann mehr bezahlen“, gab Journalist Hanno Bender (Lebensmittel Zeitung) zu bedenken. Dazu Bioland Präsident Jan Plagge: „Das Ziel ist erreichbar.“ Damit alle Bürger – auch solche die Grundsicherung beziehen – die Möglichkeit haben sich gesund zu ernähren, bräuchte es parallel eine Entlastung in Form einer Mehrwertsteuersenkung für Obst und Gemüse, betont Markwardt. Gerechter Lohn sei auch ein Thema. Zudem müsse die Kita- und Schulverpflegung kostenfrei sein. Und in der Gemeinschaftsverpflegung müsse noch mehr auf gesunde Ernährung (hiermit ist wohl Bio und fleischlos gemeint) geachtet werden. Man merkt, dass die Verbraucher-Expertin nicht auf dem neuesten Stand ist, was die Gemeinschaftsverpflegung anbelangt, denn in der professionell betriebenen Betriebsgastronomie und Schulverpflegung als auch im Catering stehen die Zeichen schon lange auf Bio. Mehr noch, die vegane Küche hält immer mehr ihren Einzug und vegetarische Speisen sind längst in der Mitte des Tellers angekommen.

Wunschdenken und Wirklichkeit

Doch was erwartet die Verbraucher? Was ist Realität? Wohl eher steigende Kosten, da abzusehen ist, dass Bioprodukte deutlich teurer werden. Kommen weitere Abgaben hinzu, überlastet das die Bevölkerung zusehends, die durch die Corona-Pandemie und den Verlust von Einkommensquellen finanziell immer weiter abrutscht. Lösungsansätze waren hier nur schwer zu finden.

Der Ökolandbau, aber auch konventionelle Landwirtschaft beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie das Ziel erreicht werden kann die globale Erwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen. Plagge will hier Standards setzen. Er sprach davon, dass Konsumenten eine Tierwohlabgabe abgeben sollten, welche in die Betriebe fliest. Sozusagen eine steuerliche Umlage als Element der Transformation. Es müsste klar sein, wofür das Geld ausgegeben wird. Ein betriebsgenaues Tierwohl-Monitoring sei wichtig und nachkontrollierbar. Sein Lösungsansatz: „Die Umstrukturierung der Lebensmittel wäre ein Preissignal, was man schnell und einfach umsetzen könnte.“ Immer noch seien Verbraucher beim Einkauf unsicher. Unklare Regionalitätsversprechen, irreführende Verpackungsbeschriftungen und Greenwashing tragen nicht dazu bei, das Vertrauen zu stärken.

Journalistin Heidrun Krost (Lebensmittel Zeitung) wollte wissen, welche Anreize es braucht, damit Landwirte auf Bio umstellen? Was können die Verbände tun? Wenn wir die Rohware nicht produzieren können. Landwirte müssten sich für eine Tierwohlstufe entscheiden können und diese entwickeln können. „Wir müssen lukrative Vermarktungsziele entwickeln. Klare Angebote für Abnahmeverträge für Landwirte müssen kommen“, sagt Plagge. Handelspartner müssten mehrjährige Preisbindungen abschließen.

Eine Forderung, die in Demeter-Kreisen längst üblich ist, blickt man auf den Biosafthersteller Voelkel aus dem niedersächsischen Wendland, der schon seit langem den Erzeugern seiner Rohprodukte faire Preise zahlt und diese ihm dafür per Preisbindung über Jahre die Treue halten. Durch Fördermittel der Europäischen Union aus dem europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) wurden so bei Voelkel eine Abfüllanlage für Mehrwegflaschen und die Herstellung eines Lagergebäudes für Naturkostprodukte und für deren Herstellung notwendige Materialien gefördert. Das Unternehmen spendet 5 Cent pro Mehrwegflasche an „Küste gegen Plastik e.V.“. Auch von Fair-Trade-Companys wie GEPA kennt man diese nachhaltige auf Vertrauen basierende Zusammenarbeit schon lange. Jedoch brauchten diese kein Gesetz von „oben“, um so zu handeln.

Landwirte und Bioverbände warten immer noch auf die Rahmenbedingungen der Eco-Schemes, gemeint sind die Öko-Regelungen, die ein Angebot von Maßnahmen zum Umweltschutz darstellen, deren praktische Ausgestaltung noch offen ist. In der neuen Förderperiode der GAP sind ab 2023 rund 20 bis 30 Prozent der Direktzahlungen aus der ersten Säule für die Eco-Schemes vorgesehen. Diesen Anteil müssen die EU-Mitgliedstaaten verpflichtend im Budget der ersten Säule reservieren. In Deutschland sollen sich die Maßnahmen laut Bauernverband auf die Biodiverstiät konzentrieren. Noch ist man skeptisch, was dabei unter dem Strich für den Landwirt rauskommt und ob der Mehraufwand lohnt. Bis Jahresende sollen die Öko-Regelungen kategorisiert werden. Damit Landwirte klarer sehen und sich auf eine kalkulierbare Eco-Schemes-Prämie verlassen können. Es ist nun an der Europäischen Kommission die Strategiepläne zu prüfen und zu genehmigen, damit diese Anfang 2023 in Kraft treten können.

Spiegel Redakteurin Maria Marquart betonte, dass sie eine Verunsicherung der Landwirte feststelle, die im konventionellen Bereich wirtschaften. Die Frage sei doch auch „Wie aufnahmefähig ist der Ökolandbau, können weitere Höfe aufgenommen werden?“ Dazu Bioland Präsident Plagge: „Wir rechnen mit einem Ansturm von Umstellungsanfragen und wären darauf eingestellt.“ Eine Umstellungsrate um 10 Prozent pro Jahr könne gut integriert werden. Momentan sei die Umstellungsquote jedoch geringer. Unsichere Signale durch GAP-Pläne und unattraktive Bedingungen ließen Landwirte zögern. Ebenso unklare Tierwohlbestimmungen. Erst wenn es eine gute wirtschaftliche Grundlage für die Umstellung gäbe, könne man handeln. Eine Entwicklung der Umstellung sei ausdrücklich erwünscht. Bioland wolle hier nicht exklusiv für die Ökologisierung der Landwirtschaft stehen. „Wenn insgesamt das Niveau ansteigt ist dies nur gut! Wir arbeiten an Klimaschutzstandards und entwickeln das System immer weiter“, so Plagge. Globale Probleme seien nur zu lösen, wenn auf Seite von Nachfrage und Angebot etwas verändert werde.

Ist Ökolandbau die Rettung?

Doch kann die Weltbevölkerung mit 100 Prozent Bio überhaupt ernährt werden? Diese Frage wurde intensiv debattiert. Mathias Himberg, Redakteur der Lebensmittel Zeitung, gab zu bedenken, dass der „Klimawandel für einen Rückgang der (ergänzt: landwirtschaftlichen) Flächen sorge. Der Ökolandbau sei nicht so effektiv und könne die Weltbevölkerung nicht ernähren. Und wir würden uns von Nahrungsmittelimporten abhängig machen. Dazu Lotze-Campen: „Ökolandbau ist nicht die Patentlösung.“ Es müssten „Nebeneffekte“ mit einbezogen werden, etwa die Verbesserung der Biodiversität, oder die Reduzierung von Stickstoff.

Kritisch auch die Frage von Journalistin Brigitte Stein, Bioland-Fachmagazin: „Es gibt Gruppen die wollen Rinderhaltung komplett abschaffen. Was darfs denn noch sein?“ Der totale Verzicht auf Fleisch ist unrealistisch. Aber auch darauf weiß Lotze-Campen eine Antwort. Er meint: „Wenn Fleisch, dann solle man doch Hühnerfleisch essen. Dies hätte weniger Emission pro Kilogramm Produkt. Und fährt fort: „So wenig Tierhaltung wie möglich“, solle es zukünftig geben. Doch gibt er auch zu bedenken, was das Fehlen von Weidetieren auf den Grünflächen bedeuten würde. Denn die Beweidung von Grünland spielt gerade im Hinblick auf die Artenvielfalt eine große Rolle.

Viele Pflanzen, die Insekten zum Überleben brauchen, würde es dann nicht mehr geben. Wo kein Rind entlangtrampelt, entsteht Verbuschung, wächst Wald. Das weiß jedes Kind. Will man diese letzten Habitate nun für den Gemüseanbau opfern? Ich frage mich immer mehr, wo uns diese Presseveranstaltung denn hinführen soll. Dann kommt die Antwort: Emissionen sollen reduziert werden, Tiere sollen aber weiter Weiden dürfen. Ah ja, wie geht das? Und Plagge setzt noch einen drauf. Weidegrünlandflächen mit mehrjährigem Grasgemenge würden am meisten Humus aufbauen. OK, und nun? Einig sind sich die anwesenden Experten, dass der Wiederkäuerbereich sinnvoll reduziert werden muss. Bedenklich sei auch, dass „alles was an Schwein und Huhn verfüttert werden könne, doch auch der Mensch essen könne“. Jetzt also auch kein Huhn mehr und kein Schwein? Und: „Man könne ja auch die (nichtsnutzigen) Bruderhähne mit minderwertigem Eiweiß füttern. Das wäre doch ein gutes Ziel?“ Je länger ich zuhöre, desto mehr zweifle ich an der Ernsthaftigkeit der Äußerungen.

Journalistin Christiane Grefe hat Bedenken, ob die nationalen Pläne bei der GAP aufgrund all der Ungereimtheiten entschieden werden können und fragt die Runde: „Sehen Sie da noch Chancen, oder ist der Zug abgefahren?“ Die Runde zeigt sich optimistisch. Bis Ende des Jahres wird es wohl eine Entscheidung geben. Doch noch sähe die Arbeitsebene für Betriebe und Berater nicht positiv aus, meint Plagge. Einzelne Bundesländer wie Sachsen-Anhalt würden die Förderung von Ökoflächen ablehnen. Milchvieh-Klimabilanzen würden mit Molkereien errechnet werden. Ein Schönrechnen mit Verlagerungseffekten. Auch sei die Berechnung falsch, solange nach Hektar – also Betriebsgröße gerechnet würde. Nicht der Blick auf den Betrieb, sondern eine gesamtbetriebliche Bilanz müsse berechnet werden, meint Plagge. Das Bilanzsystem für Betriebe müsse passen.

Zur Erklärung: Mit dieser Äußerung hat Plagge auf die Ablehnung des Landwirtschaftsministers von Sachsen-Anhalt Sven Schulze (CDU) angespielt, welcher die höhere Förderung von Ökolandbau aufgrund des starken Anwachsens des Ökolandbaus in seinem Bundesland ablehnte. Dies mit dem Argument, dass die Förderung des Ökolandbaus in der bisherigen Größenordnung nicht finanzierbar sei. Die aktuell aus dem Landwirtschaftsfonds der EU zur Entwicklung des ländlichen Raumes (ELER) vorgesehenen Fördermittel in Höhe von 100 Millionen Euro reichen für die geplante Ökoprämie längst nicht aus. Die agrarpolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion Dorothea Frederking forderte 177 Millionen Euro. Ohne zusätzliche Mittel rückt das Ziel der Bundesregierung den Flächenanteil des Ökolandbaus bis 2030 auf 30 Prozent auszuweiten in die Ferne.

Das Geschäft mit dem Humus-Aufbau

Carbon-Farming dürfe man sich ebenso nicht schönrechnen, Kohlenstoff müsse messbar sein, meint Plagge. Moore nicht zu bewirtschaften, wäre der beste Hebel. Von Carbon-Farming hält der Bioland Präsident nichts. Dies sei ein Hype im Konventionellen. Humusaufbau würde besonders von der Industrie gepusht werden. Regenerative Landwirtschaftspraktiken seien ja gut, das Potential aber sehr gering. Zudem würden falsche Hoffnungen bei den konventionellen Landwirten geweckt. 

Zur Erklärung: Carbon-Farming ist ein Konzept der regenerativen Landwirtschaft und beschreibt die Maßnahmen zur Kohlenstoffanreicherung in landwirtschaftlich genutzten Böden. Dabei soll der vom Menschen in die Atmosphäre gebrachte Kohlenstoff wieder in den Boden zurückgeführt, also gebunden, werden. Die konventionelle Landwirtschaft setzt auf Sequestieren. Soll heißen Pflanzen sollen CO2 binden und in Blättern oder Wurzeln speichern, aber auch in Böden. Hierzu werden Zwischen- und Deckfrüchte angebaut, wobei der Boden nur wenig bearbeitet, also nicht wie normalerweise üblich stark und tief umgepflügt wird. Organischer Dünger und Humusaufbau sollen den Boden verbessern, für bessere Ernten sorgen und Kohlenstoff speichern. Ackerflächen sollen beweidet werden.

All dies entspricht nicht dem Konventionellen Ackerbau mit Einsatz von Pestiziden, tiefen Pflügen, Monokulturen und fehlender Biodiversität, da der Boden – schon durch das heraufpflügen des Mutterbodens, dem Humus fehlt – immer nutzloser wird. Moderne Maschinen verhindern zudem, dass es Erntereste gibt, so dass heimische Vögel und Zugvögel auf dem Acker kaum noch Nahrung finden. Von für die Tier- und Insektenwelt lebensfeindlichen Monokulturen ganz zu schweigen.

Kritisch zu sehen ist hier vor allem der Zertifikatehandel, mit dem sich die Landwirte freikaufen. Diese werden bei erfolgreicher Bodenverbesserung ausgestellt und verkauft. Die Bezahlung für den gespeicherten Kohlenstoff im Boden orientiert sich dabei am CO2-Preis. Eigentlich alles gut, oder? Der Kohlenstoff verbessert den Nährstoffgehalt, die Ernten sind ertragreich, die Bevölkerung kann versorgt werden, die Pflanzen sind resistenter gegenüber Pilzen und Insekten. Wie? Richtig gelesen: Insekten gelten als Schädlinge, die ausgemerzt werden müssen. Das eigentliche Problem ist jedoch die Monokultur und womöglich auch das Saatgut. Womöglich genetisch veränderter Mais oder Raps? Wen interessiert das? Samenfeste Sorten? Was ist das? Bayer verdient gut am Saatgut, von dem die Landwirte – ob kommerziell oder Bio – und auch letztendlich die Verbraucher abhängig sind.

Eigentlich liegt das Problem ganz woanders. Doch solange es nicht 5 nach 12 ist, scheint dies keine Rolle zu spielen. Jedenfalls gilt Carbon-Farming momentan als Lösung für unsere Klimasorgen. Wobei – das ist leider Realität – dem Klima herzlich egal ist, was wir Menschen auf dem Planeten machen und ob es uns weiterhin gibt. Klima ist. Klima wandelt sich. Immer. Ob wir Menschen mit diesem Klima und mit den Massen, die wir in kurzer Zeit sein werden, dem Ganzen noch Herr werden, ist eine ganz andere Frage. Die – wenn wir weiterhin so wirtschaften wie bisher – sicher für unsere Spezies und alles Leben auf dem Blauen Planeten tödlich sein wird. Nicht umsonst bemüht sich die Raumfahrt neue Planeten für uns zu entdecken. Die Welt hat fertig – könnte man im modernen Marketing-Sprech sagen. Traurig.

Ein Beitrag von: Petra Pettmann M.A.

Titelbild und Portraits: Bioland, Vzbv, PIK

Mein Kommentar zum Thema:

Es wird schwer werden eine seriöse Berechnungsgrundlage für die geplanten Öko-Regelungen zu erstellen, an die sich die Landwirte der EU im Sinne der Erhaltung unserer Lebensgrundlagen und der Biodiversität halten könnten. Die professionelle Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Sie ist und bleibt der Garant für das Überleben der Menschheit. Hier bei uns in Deutschland wie auch überall auf unserem Planeten. Jetzt falsche Weichen zu stellen, könnte verheerende Folgen für uns alle haben. Vielleicht nicht für unsere Generation, jedoch für die Menschen, die nach uns kommen. Bewegen wir die richtigen Hebel? Ist Ökolandbau die Rettung? Sind populistische Aufrufe zum Verzicht tierischer Produkte tragbar? Was macht dies mit uns und dem Planeten? Das Klima verändert sich rasant und ist unberechenbar. Natürlicher Klimawandel und anthropogener – Mensch gemachter – Klimawandel führen dazu, dass sich die Lebensbedingungen auf unserem Planeten verändern. All diese Faktoren müssen in die Berechnungsgrundlage der Eco-Schemes einkalkuliert werden. Wissenschaftlich neutral und ohne politische Manipulation.

Erschreckend finde ich den Aufruf generell auf Fleisch zu verzichten. Denn was passiert dann mit unserer Tier- und Pflanzenwelt? Immer mehr junge Menschen meinen, sich vegan ernähren zu müssen. Sie denken, wenn sie Analog-Käse und sonstige nichttierische Produkte verzehren, die meist nur wenig mit frischem Obst und Gemüse gemein haben, würden sie dem Planeten etwas Gutes tun. Doch stimmt dies?

Vorweggenommen: Auch ich verzichte immer mehr auf Fleisch. Doch lehne ich jede radikal herbeigeführte Veränderung ab, da sie dem Planeten mehr schadet als nützt. Die Schnelligkeit mit der wir Menschen seit der industriellen Revolution die Welt verändert und die Klimakrise heraufbeschworen haben, müsste uns doch eigentlich zeigen, dass nur der behutsame respektvolle Umgang mit dem was an Natürlichem da ist, uns wieder in lebensfähige Bahnen bringt. Dass alles, was zu viel ist – auch wir Menschen – dem Planeten nicht guttut. Das Gleichgewicht des Lebens ist aus dem Takt gekommen.

Ein menschgemachter Genozid von Haustierrassen wie dem Rind, die den Menschen in seiner gesamten Menschheitsentwicklung begleitet und zu dem Wesen gemacht haben, welches er heute ist, wäre das denn richtig, frage ich mich als Fachjournalistin, studierte Archäologin und Anthropologin. Darf der Mensch Gott spielen und ganze Rassen ausrotten? Geht es wirklich nur um die Eindämmung der Massentierhaltung unter erbarmungswürdigen Zuständen für unsere tierischen Mitbewohner? Oder ist es nicht vielmehr eine politisch gewollte neue Religion, die uns Omnivoren (Erklärung: Allesfresser, die sich mit pflanzlichen und tierischen Nahrungsmitteln versorgen) eine neue Lebensart vorschreiben will? Wer sagt denn, dass Fleisch essen per se „schlecht“ ist? Dass es dem menschlichen Organismus schadet? Gibt es nicht andere Produkte der Konsumgüterindustrie wie High-Convenience-Produkte, zuckerhaltige Getränke, oder künstlich hergestellte Analog-Produkte, die wesentlich schädlicher sind? Hat die Art wie wir Leben keine Auswirkung auf unsere Gesundheit? Ist die Massen-Mensch-Haltung in Großstädten gesünder, als das Leben auf dem Land? Sollte die Politik nicht eher dafür sorgen, dass die Menschen sich selbst und regional autark versorgen und in intakten Gemeinschaften miteinander leben können? Dass Menschen die Natur achten und schützen und nicht nur denken, Lebensmittel kämen aus dem Discounter? Und jedem Ernährungs-Hype nachjagen? Im Zeitalter von Vegan scheint der Bezug zum Echten verloren. Es scheint eine Laune der Zeit zu sein, dass Natürliches schlecht und Künstliches gut ist. Dass mit Holzschnipseln und Baumwollzellulose angereicherte Convenience-Produkte besser sein sollen als das Fleisch eines artgerecht auf einer Weide gehaltenen Rindes, oder eines freilaufenden Huhns? Könnten 7,92 Milliarden Menschen (Stand Januar 2022) ohne Fleischkonsum gut leben? Welche Auswirkungen hätten die Umstrukturierung denn wirklich auf uns und die Umwelt? Laut Statista werden wir in 50 Jahren (2070) auf der Erde 10,46 Milliarden Menschen sein. Wenn bis dahin die Ökosysteme nicht kollabiert sind, und auch der Anbau pflanzlicher Lebensmittel aufgrund Missachtung biologischer Gesetzmäßigkeiten stagniert? Wenn Grünflächen verbuschen, oder Ackerflächen mit riesigen Monokulturen von Künstlicher Intelligenz maximal optimal ausgebeutet würden. Tiere durch künstlich hergestellte Proteinquellen ersetzt werden könnten, und Kinder nicht mehr wüssten, wie eine Kuh, ein Schaf, oder ein Pferd aussieht. Wenn alles wegkann, was von der neuen Generation Mensch als überflüssig erachtet wird. Brave New World, kann ich da nur sagen. Mir graut davor.

Text und Kommentar: Petra Pettmann M.A., es gelten meine AGB, einzusehen auf www.pettmann.de