Heute berichtet Prof. Dr. Stephan Martin in der Ärztezeitung, dass die landläufige Meinung, gesättigte Fettsäuren würden als ungesund gelten, wohl falsch ist. Muss die Ernährungsbranche nun umdenken? Kritik wird auch am Nutri-Score geübt. Eine aktuelle Analyse, die im Namen des „American College of Cardiology“, einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft von über 54.000 Ärzten und nicht-ärztliche Spezialisten aus dem Bereich der Kardiologie, publiziert wurde, rüttelt nun an dem bisherigen Glaubenssatz.

Zur Erinnerung: Gesättigte Fettsäuren kommen vor allem in fettem Fleisch, fetter Wurst, fettem Käse, Butter, Schmalz und Sahne vor.

Im Beitrag vom 23. November 2020 heißt es:

„Gesättigte Fette gelten als ungesund, wissenschaftliche Belege dafür gibt es allerdings nicht. Aktuelle Studien könnten sogar für einen präventiven Effekt sprechen – was an einem „Glaubenssatz“ der Ernährungsmedizin rüttelt.

Der Bundestag hat kürzlich den Weg zur Einführung der Lebensmittelkennzeichnung mit dem Nutri-Score geebnet. Während die einen es als wichtigen Meilenstein für eine bessere Ernährung ansehen, kritisieren andere die fehlende Verpflichtung, den Score auf allen Produkten abzudrucken.

Der Nutri-Score verteilt für verschiedene Inhaltsstoffe Punkte. Ein hoher Energiegehalt, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz erhöhen den Score. Eiweiß, Ballaststoffe, Obst, Gemüse und Nüsse wirken sich günstig aus. Anzeigehttps://377e864de9fc78db5f5dcdb9aa1737f2.safeframe.googlesyndication.com/safeframe/1-0-37/html/container.html

Auch wenn man sich wundert, dass in dem Score Olivenöl schlechter abschneidet als Toastbrot oder Gummibärchen besser als dunkle Schokolade, ist dies sicher ein wichtiger Schritt, Menschen bei der Verbesserung ihrer Ernährung zu helfen. Grundsätzlich stellt sich aber die Frage, welche Ernährung ist gesund?

Schützender Effekt vor Schlaganfall

Im Journal des „American College of Cardiology“ ist dazu kürzlich ein Übersichtsartikel erschienen, der bisher in Deutschland kaum diskutiert worden ist (J Am Coll Cardiol. 2020 ; 76: 844). Aufgrund einer Metaanalyse von randomisierten und Beobachtungsstudien kommen die Autoren darin zu dem Schluss, dass es keine wissenschaftlichen Belege gibt, gesättigte Fette aufgrund eines ungünstigen Effektes auf kardiovaskuläre Erkrankungen oder die Gesamtsterblichkeit in der Nahrung zu reduzieren.

Ganz im Gegenteil kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass eine Nahrung reich an gesättigten Fettsäuren sogar einen schützenden Effekt vor Schlaganfall hat. Durch die Reduktion der Fette sei es zu einem Mehrkonsum von Kohlenhydraten gekommen, die für die weltweit steigende Rate an Adipositas verantwortlich gemacht werden. Anzeigehttps://377e864de9fc78db5f5dcdb9aa1737f2.safeframe.googlesyndication.com/safeframe/1-0-37/html/container.html

An „Glaubenssatz“ der Ernährungsmedizin gerüttelt

Ähnliche Metaanalysen sind bereits in den letzten Jahren publiziert worden. Die aktuelle Analyse hat aber mehr Gewicht: Sie wurde im Namen des „American College of Cardiology“ publiziert, einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft von über 54.000 Ärzten und nicht-ärztliche Spezialisten aus dem Bereich der Kardiologie.

Die Experten rütteln an einem „Glaubenssatz“ der Ernährungsmedizin. Die entscheidende Frage ist nun: Wie steht es mit dem Zusammenhang, dass gesättigte Fettsäuren das LDL-Cholesterin im Serum erhöhen, kann man das vernachlässigen? Weitgehende Ernährungsempfehlungen hierzu hatte 1977 ein Expertengremium des amerikanischen Senats aufgrund der Zunahme kardiovaskulärer Erkrankungen ohne entsprechende wissenschaftliche Evidenz ausgesprochen.

Danach sollen der Anteil gesättigter Fette auf zehn Prozent der Energieaufnahme und die Cholesterinaufnahme auf 300 mg pro Tag reduziert werden. Diese Empfehlungen wurden unkritisch weltweit übernommen, wobei die Nahrungsmittelindustrie aufgrund neuer Absatzmärkte eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat. Anzeigehttps://377e864de9fc78db5f5dcdb9aa1737f2.safeframe.googlesyndication.com/safeframe/1-0-37/html/container.html

Gesättigte Fette nicht unabhängig betrachten

Die Aufnahme gesättigter Fettsäuren lässt das LDL-Cholesterins zwar etwas ansteigen, die Autoren der aktuellen Analyse betonen aber, dass es sich dabei nicht um kleine atherogene, sondern um die eher harmlosen große LDL-Partikel handelt.

Nach Ansicht der Forscher können gesättigte Fette nicht unabhängig betrachtet werden, sondern nur im Kontext der Zusammensetzung von Makronährstoffen. Fetthaltige Milchprodukte, unverarbeitetes Fleisch, Eier und dunkle Schokolade seien dabei nicht mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen assoziiert.

Doch wie schnell lassen sich diese Evidenz-basierten Erkenntnisse in die Praxis umsetzen, wenn im Nutri-Score die Warnung vor gesättigten Fetten durch die hohe Punktzahl eher zementiert wird? Hier sind wir Ärzte gefragt und müssen unseren Patienten die Botschaft zukommen lassen, dass es gesättigte Fette geschafft haben „vom Feind zu einem Freund“! Anzeigehttps://377e864de9fc78db5f5dcdb9aa1737f2.safeframe.googlesyndication.com/safeframe/1-0-37/html/container.html

Prof. Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf.

Quelle: http://www.aerztezeitung.de