Die Trendwende hat längst stattgefunden. Städter flüchten aufs Land. Wer kann, geht. Doch Kommunen auf dem Land sollten nicht die gleichen Fehler machen und wahllos Einfamilienhäuser und Straßen um die Ortskerne herum bauen. Dies wäre zu kurz und falsch gedacht.

Laut einer aktuellen Auswertung des Bundesinstitutes für Bau- Stadt- und Raumforschung haben 282 der 401 Kreise und kreisfreien Städte in den letzten Jahren Einwohner dazugewonnen. So liest man in einer Pressemeldung des BHW, die ich hier ebenfalls gerade gepostet habe. Mein Kommentar dazu lautete:

Endlich! Wer will schon in der Stadt leben? Zu laut, zu eng, zuviel Dreck, zuviel Feinstaub, zu viele versiegelte Flächen, zu viele Menschen auf einem Fleck – und eine marode Infrastruktur, sanierungsbedürftige Versorgungsstrukturen, planloser Städtebau. Mit neuen Konzepten, die die Natur gleichberechtigt einplanen, also Raum für Kultur- und Naturlandschaften, Nutztiere und wild lebende Tiere im Einklang mit verantwortungsbewusstem Leben der Menschen auf dem Land verbinden, könnte neuer Wohnraum geschaffen werden. Aber bitte nicht genauso planlos, wie in den letzten 100 Jahren. Auch Kleinstädten und Dörfern fehlt es an tragfähigen Raumordnungskonzepten. Ein Wohngebiet nach dem anderen wird oft ohne Sachverstand für die Bedürfnisse der Menschen um die Stadtkerne herum gebaut. Damit muss jetzt endlich Schluss sein. Der hier veröffentlichte Beitrag spricht aus, was ich in vielen Gesprächen hier auf dem Land mitbekomme. In Bleckede – meinem Wahlwohnort auf dem Land – strömen die Hamburger in die Neubaugebiete. Nicht Familien, sondern die Generation 50+ zieht es in die Natur. In der Stadt lebt nur noch, wer unbedingt muss. Alternative Wohnformen im Alter nehmen an Fahrt auf. Diese sollten kommunal gefördert werden, damit am Ende nicht wieder jeder alleine in seiner Hütte sitzt. In Schlafstädten und -orten, ohne Infrastruktur, Ärzte, Geschäfte und Plätze zum „Analogen Treffen“ von Menschen. Umdenken ist angesagt.

Meiner Meinung nach müsste das gesamte Städtewesen neu gedacht werden. Warum etwa wird das Thema „Müllvermeidung“ nicht kommunal aufgegriffen. Etwa dadurch, dass in jedem Neubau und vorhandenem Gebäude anfallender Biomüll sofort in Energie umgewandelt und genutzt wird? Dass belohnt wird, wer Müll vermeidet. Betriebe der Gemeinschaftsverpflegung und innovative Landwirtschaft machen es uns doch bereits vor! Etwa Meiko-Green, da werden Speisereste so aufbereitet, dass man Energie daraus gewinnt. Oder das Projekt „Tropenhaus Klein Eden“, dieses nutzt Abwärme im Niedrigtemperaturberich und bewirtschaftet damit Gewächshäuser, in denen tropische Früchte etc. unabhängig von äußeren Klimabedingungen (Sturm, Trockenheit, etc.) und  unabhängig vom Standort angebaut und die Versorgung der umliegenden Gemeinden regional und saisonal gewährleistet werden kann. Das sind Zukunftsprojekte!

Welche Gemeinde kümmert sich um einen nachhaltigen Städtebau? Dass belohnt wird, wer in richtigen Mehrgenerationenhäusern lebt, die sich Menschlichkeit und ein Miteinander auf die Fahne geschrieben haben. Und zwar so, wie es das Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus des Bundesamt für Familie und Zivilgesellschaftliche Aufgaben vorsieht:

Link:

Mehrgenerationenhäuser

„Im Jahr 2006 hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser ins Leben gerufen. Viele Häuser entwickelten sich aus bestehenden Einrichtungen, beispielsweise Eltern-Kind-Zentren, Familien- und Nachbarschaftszentren oder Seniorenbüros, andere wurden ganz neu gegründet. Bundesweit gibt es mittlerweile in nahezu jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt ein Mehrgenerationenhaus.

Die Mehrgenerationenhäuser sind Begegnungsorte und Anlaufstellen für alle Menschen – unabhängig von Alter, Herkunft, sozialer Lage und sonstigen Merkmalen. Sie fördern mit ihren niedrigschwelligen Informations-, Beratungs- und Begegnungsangeboten gezielt das generationenübergreifende Mit- und Füreinander sowie das freiwillige Engagement aller Altersgruppen und stärken so das nachbarschaftliche Miteinander in ihrer Umgebung. Jung und Alt können sich hier begegnen, voneinander lernen, aktiv sein und sich für die Gemeinschaft vor Ort stark machen.

Charakteristisch für alle Häuser ist der „Offene Treff“ als erste Anlaufstelle und Ort für die niedrigschwellige, generationenübergreifende Begegnung und Beteiligung. Kennzeichnend für die Mehrgenerationenhäuser ist auch deren Netzwerkstruktur. Die Häuser arbeiten vernetzt sowohl untereinander als auch mit zahlreichen Kooperationspartnern aus Verwaltung, Zivilgesellschaft und freier Wirtschaft zusammen.

Mit ihrer bedarfsorientierten Angeboten und Unterstützungsleistungen helfen die Mehrgenerationenhäuser dabei, den vielfältigen Herausforderungen zu begegnen, vor die uns die demografischen Entwicklungen und die sich verändernden familiären Strukturen stellen. Daher sind sie ein fester Bestandteil der Demografiestrategie der Bundesregierung.

Weitere Informationen zum Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus finden Sie unter  www.mehrgenerationenhaeuser.de.

 

Doch was passiert: oft reicht das Wort „Mehrgenerationenhaus“ im Bauplan und Bauämter von Städten und Gemeinden geben blind „Grünes Licht“ für den Bau. Genau hingeschaut, entpuppen sich solche Neubauvorhaben dann als profane Mietshäuser, in denen Menschen auf kleinster Fläche leben sollen als reine Abzocke. Kungeleien mit örtlichen Behörden fördern die Misswirtschaft. So entsteht nichts Neues, sondern mehr vom (schlechten) Alten.

Neue, länderübergreifende Richtlinien und Gesetze müssten geschaffen werden, damit Deutschland sich nachhaltig erneuern kann, zusammen leben neu gedacht werden. Bis ins Detail. Solange jede Gemeinde selbst bestimmen kann, wie Bauplätze bebaut werden dürfen, ist nicht damit zu rechnen, dass sich an unserer Lebensform etwas positiv verändert. Die Qualifikation fehlt. Raus aufs Land ist also nicht allein die Lösung.

Ein Kommentar von Petra Pettmann M.A., Journalistin DJV & Archäologin / Anthropologin

Text + Bild: Petra Pettmann M.A., http://www.pettmann.de

Das Bild zeigt unseren Wohnort in Bleckede direkt im Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue. Einer Kleinstadt, die gerade mächtig wächst, aber leider planlos. In der „Breiten Straße“ steht fast jedes zweite Geschäft leer und die Häuser verfallen. Mehrgenerationenhäuser sind hier einfache Mietshäuser und Neubaugebiete wachsen wie Geschwüre um die Altstadt. Asylsuchende werden in verfallenen Bauten zu horrenden Mietpreisen einquartiert. Menschlichkeit fehlt. Profitgier ist Standard. Es ist an der Zeit, dass auch auf dem Land in die Zukunft geblickt wird. Die heile Welt auf dem Land existiert nicht.

 

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